ZWEIFELHAFT | Benedikt Toth, Parkhausmord.

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Statement

 

Der sogenannte Indizienring und dessen Widerlegung

 
Ein Ring aus vierzehn Indizien soll laut Gericht für Benedikt Toth als Täter sprechen. In der Urteilsbegründung heißt es, dass zwar keines der Indizien für sich alleine gesehen ausreiche, um den vollen Beweis für Benedikt Toths Täterschaft zu erbringen, allerdings schlössen sich die zahlreichen Indizien in ihrer Gesamtschau wie ein Ring um den Geschehensablauf.

Dass in diese Gesamtschau mindestens sieben, Benedikt Toth eigentlich entlastende Aspekte, als weitere Indizien gegen ihn aufgenommen wurden, mutet dabei nicht nur die Verteidigung, sondern auch die Verfasserinnen übelwollend an. Diese Entlastungsaspekte hätten den sogenannten Indizienring, der als Grundlage für das Urteil galt, also nicht nur in Frage stellen, sondern ihn völlig zersprengen müssen.

Der Indizienring

braun: entlastende Aspekte
schwarz: belastende Aspekte
 
 

Ein abgeschlossenes Jurastudium sei laut Gericht die Bedingung Charlotte Böhringers an Benedikt Toth gewesen, um später die Geschäftsführung in der Parkgarage anzutreten und Erbe ihres Vermögens zu werden. Benedikt Toth jedoch hatte sein Jurastudium abgebrochen und dies gegenüber seiner Familie - und lt. Gericht - auch gegenüber seiner Tante verschwiegen. Aus Furcht vor Konsequenzen, die seine Tante bei Aufdeckung seiner Lüge ziehen könnte, und um sich die Aussicht auf eine leitende Position in der Parkgarage zu erhalten, habe er sich aus Habgier entschlossen, Charlotte Böhringer zu töten.

Benedikt Toth hingegen sagt, er habe seine Tante schon Monate zuvor selbst über den Abbruch seines Studiums informiert. Gestützt wird diese Darstellung vom Steuerberater Charlotte Böhringers. Er berichtet bereits im Rahmen der strafgerichtlichen Hauptverhandlung, dass die Stellung Benedikt Toths im Hinblick auf die sozialversicherungsrechtliche Eingruppierung zwischen Charlotte Böhringer und ihm Thema gewesen sei. In diesem Zusammenhang habe sich Frau Böhringer über den Umstand, dass Benedikt Toth sein Studium nicht erfolgreich zu Ende geführt habe, verärgert gezeigt. Dieser Umstand, dass sie sich "verĂ€rgert zeigte", wurde spĂ€ter vom Gericht einfach beiseite gewischt. Dabei untermauert gerade der, dass Charlotte Böhringer vom Abbruch des Studiums wusste, und keinesfalls von einem erfolgreichen Abschluss sprach. Damit wĂ€re das von Ermittlern und Gericht konstruierte Motiv allerdings nichtig gewesen, weswegen man es in der UrteilsbergrĂŒndung unterließ, den Steuerberater vollstĂ€ndig zu zitieren.
Auch Judith E., eine Freundin Charlotte Böhringers, sagte vor Gericht aus, Charlotte Böhringer habe ihr berichtet, dass Benedikt Toth sein Studium "hingeschmissen" habe.
Über beide Aussagen setzte sich das Gericht schlicht hinweg. Ebensowenig zeigte es sich davon beindruckt, dass Benedikt Toth einen Polygraphen-Test (LĂŒgendetektor) mit Bravour bestanden hat.

Die Ermittlungen haben sich von Anfang an im Wesentlichen auf die Verwandtschaft Charlotte Böhringers konzentriert. Schwester, Schwager und der Neffe, Mate T., haben ein Alibi. Dieser Fakt, verbunden mit dem angeblich fehlenden Alibi von Benedikt Toth, hat die Ermittlungsbehörden in ihrem Verdacht gegen ihn vermutlich noch bestärkt.

Der Umstand, dass man es im Rahmen der Ermittlungen beispielsweise unterlassen hatte, die Mailbox Charlotte Böhringers sofort nach Auffindung der Leiche abzuhören, mutet befremdend an, gab doch Benedikt Toth an, seiner Tante am 16.05.2006, also am Tag ihrer Auffindung, mehrfach auf die Mailbox gesprochen zu haben. Dürfte das für die Ermittler nicht von Interesse gewesen sein? Erschwerend kommt hinzu, dass die Mailbox vierzehn Tage später sich automatisch selbst löschte. Damit sind auch die Nachrichten weiterer Personen endgültig verloren.
Ebenso irritiert die polizeiliche Vorgehensweise in der Erfragung der Alibis zahlreicher Freunde und Bekannte Böhringers: Man holte sie lediglich telefonisch ein, anstatt die Beteiligten - wie üblich - auf das Polizeirevier zu laden. Es entsteht dadurch der Eindruck, dass man dem illustren Freundes- und Bekanntenkreis Charlotte Böhringers auf keinen Fall "zu nahetreten" wollte. Auch Charlotte Böhringers Adressbuch wurde erst ein Jahr nach der Tat ins Visier genommen, genauso wie die Verbindungsdaten von Charlotte Böhringers Handy erst nach einem Jahr genauer ausgewertet wurden.

Da sich die Polizei sehr schnell - nämlich innerhalb von zwei Tagen - auf Benedikt Toth als Täter fokussierte, wandte man nicht mehr viel Zeit und Mühe auf, nach weiteren Personen mit einem möglichen Motiv zu suchen.

Tatsächlich war es aber zwischen Charlotte Böhringer, die als launisch und aufbrausend galt, und anderen Menschen aus ihrem näheren und weiteren Umfeld immer wieder zu Spannungen und Konflikten gekommen:

Der Geschäftsführer Charlotte Böhringers, der nach ca. dreißig Jahren Betriebszugehörigkeit kurz vor seiner Kündigung stand. Nach Darstellung Benedikt Toths hatte Charlotte Böhringer ihn, Benedikt, zu einem Komplott überredet, das zur Folge haben sollte, den Geschäftsführer einer Unterschlagung bezichtigen zu können. Damit hätte ein Grund zur fristlosen Kündigung bestanden, wodurch ihr die Zahlung einer Abfindung erspart geblieben wäre. Durchaus bemerkenswert: Der Mann legte für die Tatzeit zunächst ein falsches Alibi vor, das er dann später korrigierte.

Ein Schweizer Finanzmakler, dem Charlotte Böhringer im Jahr 2000 eine Summe von 200.000 Franken oder DM in Erwartung einer versprochenen hohen Rendite anvertraut hatte. Diese hohe Rendite blieb allerdings aus. Daraufhin soll Charlotte Böhringer ihm öffentlich während einer Zusammenkunft im Paulaner im Tal gedroht haben, ihn "hochgehen" zu lassen, zahle er das Geld nicht zurück.
Später wurde jener Finanzmakler als Zeuge vor Gericht geladen. Dieser Vorladung kam er nicht nach, weshalb ihn der Beisitzende Richter, Dr. Lang, schließlich während der Verhandlung sowohl mehrfach auf dem Festnetz als auch auf dem Mobiltelefon anrief, bis er ihn schließlich erreichte. Der Finanzmakler reagierte daraufhin jedoch ungehalten und verbat sich weitere Störungen. Vor Gericht wurde er nicht als Zeuge vernommen.

Ein Gastwirt und guter Freund von Charlotte Böhringer wurde gar nicht erst als Zeuge seitens der Kripo einvernommen. Im Testament jedoch wurde er mit 200.000 € bedacht. Er war auch derjenige, der den Schweizer Finanzmakler an Charlotte Böhringer vermittelt hatte.
Erst zwei Jahre später befragte man ihn während des Verfahrens zu den Vorgängen, wobei er allerdings deutliche "Erinnerungslücken" aufwies und sich nur spärlich äußerte. Von seinem Freund, dem Finanzmakler, distanzierte er sich zudem deutlich.

 

Achtung: Aktualisierte Fassung!
 

Eine enge Freundin von Charlotte Böhringer, die diese am 14.05.2006 als Letzte lebend gesehen hatte. Nachdem sie sich am Abend gegen 17.30 Uhr von Charlotte Böhringer verabschiedet hatte, war ihr Handy lt. Verbindungsnachweis allerdings noch fĂŒr weitere 30 Minuten in der Funkzelle des Parkhauses eingeloggt. Bei ihrer ersten Einvernahme durch die Polizei am 17.05.2006 verschwieg sie dieses Telefonat jedoch, stattdessen gab sie an, direkt nach der Verabschiedung nach Hause gefahren zu sein. Erst nach Vorlage der Verbindungsnachweise in der zweiten Einvernahme am 19.06.2006 gab sie zu, gegen 17.38 Uhr Charlotte Böhringer noch einmal angerufen zu haben. Dieses GesprĂ€ch ging ĂŒber 17 Minuten. Doch bis heute will sich diese Freundin nicht an dessen Inhalt erinnern können. Ihre ErklĂ€rung dafĂŒr: Es könne sich nur um „eine nichtige Ratschgeschichte“ gehandelt haben. Dabei darf zudem nicht ĂŒbersehen werden, dass diese Zeugin im Zusammenhang mit ihrem Aufenthalt in der Wohnung Böhringer von einem in der Zeit von 17.25 bis 17.38 Uhr gefĂŒhrten Telefonats der Getöteten mit ihrer Schwester, der Mutter Benedikt Toths, nichts berichtet. Hatte sie demnach bereits vor 17.25 Uhr die Wohnung verlassen, so muss sie nach Verabschiedung von Charlotte Böhringer noch mindestens 13 Minuten in der Parkgarage gewartet haben, bevor das von ihr nicht erinnerte TelefongesprĂ€ch mit dem Opfer begonnen wurde. Trotz dieser kaum vernĂŒnftig erklĂ€rbaren AuffĂ€lligkeiten hat eine nĂ€here ÜberprĂŒfung dieser Zeugin nicht stattgefunden.

Frage:
Weshalb wurde diese Zeugin trotz aller Ungereimtheiten durch den einvernehmenden Beamten nicht nĂ€her ĂŒberprĂŒft? Auch der Umstand, dass sie sich nicht an das gefĂŒhrte Telefonat erinnert, mutet befremdlich an: WĂŒrde man sich nicht an jedes Wort erinnern, das die angeblich beste Freundin geĂ€ußert hat, bevor sie am selben Tag ERMORDET wurde? Und wĂŒrde man nicht in seinen Erinnerungen nach jedem Hinweis „kramen“, der möglicherweise zur AufklĂ€rung des Falls beitragen könnte?

In dieser ersten Einvernahme gab jene Freundin des Weiteren an, sie habe sich um 17.30 Uhr von Charlotte Böhringer verabschiedet, da diese geĂ€ußert habe, sie erwarte in einer arbeitsrechtlichen Angelegenheit ihren Anwalt, Gerrit H.(†).

Rechtsanwalt H. hingegen sagte aus, er und Frau Böhringer hĂ€tten sich in einem Telefonat um etwa 17 Uhr darauf geeinigt, den Termin auf einen anderen Tag zu verschieben. Wieso hat die Freundin, die vorgab, nicht von der Verlegung des Termins informiert gewesen zu sein, mit Charlotte Böhringer dann noch einmal wegen einer „nichtigen“ Ratschgeschichte telefoniert, wenn sie doch davon ausgehen musste, dass zum Zeitpunkt ihres Anrufs das wichtige GesprĂ€ch mit dem Anwalt stattfand?

Noch irritierender ist diesbezĂŒglich ihre Aussage vier Wochen spĂ€ter am 19. Juni 2006, die sie bei sich zu Hause gegenĂŒber dem damaligen Leiter der Mordkommission der ihr zudem ihren eigenen Worten zufolge als „alter Duzfreund“ verbunden gewesen sein soll: Im Hinblick auf die Terminverschiebung mit dem Anwalt sagte sie jetzt nĂ€mlich aus „Charlotte habe sie da wohl belogen“ und unterstellte Böhringer damit plötzlich ein TĂ€uschungsmanöver: Böhringer habe sie gebeten, wĂ€hrend des Besuchs des Anwaltes zugegen zu sein. Dieser Bitte habe sie aber nicht entsprechen wollen, da sie vermutet habe, in Wahrheit sei es wohl Benedikt Toth gewesen, der erwartet wurde. Ebenso habe sie vermutet, ihr selbst sei von Charlotte Böhringer der Vermittlerin in einem Streit zwischen Böhringer und ihrem Neffen zugedacht gewesen. Schließlich sei das schon einmal der Fall gewesen. Doch in diese Rolle habe sie nicht mehr schlĂŒpfen wollen.

FRAGE: Impliziert diese zweite, in eine völlig andere Richtung gehende Aussage, nicht die Vermutung, die Freundin mĂŒsse doch von der Verlegung des Termins gewusst haben, weswegen hĂ€tte sie sonst ĂŒberhaupt diese Theorie in Bezug auf Benedikt Toth entwickeln können? Denn hĂ€tte sie das Telefonat NICHT mitangehört, hĂ€tte sie doch weiterhin glauben mĂŒssen, es sei der Anwalt, der zu Besuch kommen wĂŒrde.

Welche GrĂŒnde veranlassten diese Freundin nun, sich selbst in ihrer ersten Aussage im Hinblick auf den Anwaltstermin derart zu widersprechen? Was veranlasste sie, in ihrer zweiten Einvernahme eine offensichtliche Spur zu Benedikt Toth als TĂ€ter zu legen, Ă€ußerte sie sich doch in ihrer ersten Aussage nicht nur konziliant ĂŒber ihn und seine Familie, vielmehr tauchten die in ihrer zweiten Aussage plötzlich geschilderten und Benedikt Toth belastenden Vorkommnisse (Streit) dort mit KEINEM Wort auf. Welcher Sinneswandel ging diesem deutlichen Richtungswechsel voraus?

MerkwĂŒrdig scheint in dieser Angelegenheit außerdem auf, dass Mate T., der Bruder von Benedikt Toth, lt. Vernehmungsprotokoll vom 17.05.2006 ausgesagt haben soll, er habe am Mordtag fĂŒr um 17.30 Uhr die Schranke des Parkhauses fĂŒr eben jene Freundin geöffnet, damit sie mit dem Auto herausfahren könne. Davon abgesehen, dass dieser Umstand nicht zu dem oben zweifelsfrei dargelegten Zeitablauf passt, kommt hinzu, dass Mate T. bestreitet, diese Zeit jemals so angegeben zu haben. Vielmehr weist er daraufhin, die Freundin seiner Tante habe versucht, ihn zu dieser Zeitangabe zu ĂŒberreden.

Zu Denken gibt auch der Umstand, dass jene Freundin in der Einvernahme von 19.06.2006 angibt, sie habe am Dienstagvormittag, 16.05.2006, also einen Tag nach dem Mord an Charlotte Böhringer, mehrfach versucht, diese anzurufen. Es sei ihr dabei darum gegangen, Charlotte Böhringer zu sich nach Hause einzuladen, da es ihr selbst „gesundheitlich nicht so gut gegangen sei“ und sie deshalb nicht nach MĂŒnchen habe fahren wollen. Diese Anrufe jedoch sind nicht in den Telefonnachweisen registriert, wĂ€hrend aber alle anderen getĂ€tigten Anrufe dieser Freundin zu Charlotte Böhringer sehr wohl verzeichnet sind.

Frage: Mutet es nicht befremdlich an, dass diese Freundin sich nicht an den einen Anruf erinnern will, den sie tatsĂ€chlich gemacht hatte (Anruf bei Böhringer von der Parkgarage aus), sich aber an Anrufe erinnert, die NICHT stattgefunden haben. Auf Nachfrage der Beamten sagte sie lapidar, da mĂŒsse sie etwas verwechselt haben. Damit gab man sich sodann zufrieden.

WER IST MR X?

Unter diesem Titel erschien am 04.07.2007 ein Artikel in einer MĂŒnchner Tageszeitung. Darin heißt es unter anderem, eine „enge Freundin“ Charlotte Böhringers, habe am Tatabend einen Mann in der Parkgarage gesehen.. Der Mann, so weiter, „habe sich komisch verhalten, als ob er er nicht gesehen werden wolle. Er sei groß gewesen, dunkelhaarig und Ă€lter und schnell verschwunden gewesen.“ Weiter wird darin mitgeteilt „der große Unbekannte sei nicht Benedikt Toth gewesen, denn den 'Benni' habe die Freundin gut gekannt“.
WĂ€hrend des Prozesses waren die AnwĂ€lte Benedikt Toths bereits davon ausgegangen, dass es sich dabei um die oben genannte Freundin gehandelt haben mĂŒsse. Vor Gericht dazu befragt, bestritt diese jedoch, die Informantin gewesen zu sein.

Anderes ergaben jedoch 16 Jahre spĂ€ter die Nachforschungen des UnterstĂŒtzerkreises. Einem Kollegen und MitunterstĂŒtzer gegenĂŒber, gab die Verfasserin des Artikels zu, ihre damalige Informantin sei jene Freundin gewesen. Eine schriftliche BestĂ€tigung ĂŒber diesen Sachverhalt liegt der Staatsanwaltschaft MĂŒnchen I durch die Verteidiger Benedikt Toths bereits vor.

FRAGE: Aus welchen GrĂŒnden hat jene Freundin vor Gericht geleugnet, die Informantin gewesen zu sein? Warum hat sie den Sachverhalt dort nicht ausgesagt?

 

Achtung: Aktualisierte Fassung!
 

Ein Freund und der Hausarzt Charlotte Böhringers: Sein Sohn wurde in Charlotte Böhringers letztem Testament nicht unerheblich bedacht. Im Falle ihres Todes sollte an diesen ein VermĂ€chtnis in Form eines Hauses in WĂŒrzburg im Wert von ca. einer Million Euro gehen. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass sich Charlotte Böhringer nach Aussagen des Hausverwalters von Böhringers Liegenschaften in WĂŒrzburg, und eines Immobilienmaklers ebenfalls in WĂŒrzburg (telefonische Befragung durch die Ermittler vom 18.08.2006) noch am Tag ihrer Ermordung mit dem Gedanken trug, genau dieses Haus zu verkaufen, wobei man sich im Wesentlichen bereits handelseinig war. Durch den Verkauf des Hauses wĂ€re das VermĂ€chtnis an den Sohn somit hinfĂ€llig gewesen. Interessant: Vor ihrem Tod hatte Charlotte Böhringer dieses Vorhaben im Kreis ihrer Freunde und Familie ĂŒber Wochen hinweg thematisiert. Man wusste also davon.
Am Abend des Mordtages, am 15.05.2006, hatte sich dieser Freund nach eigener Aussage um 16.17 Uhr mit Charlotte Böhringer zwischen 19.00 Uhr und 19.30 Uhr fĂŒr einen gemeinsamen Stammtischbesuch im Paulaner im Tal verabredet. Befremdend in diesem Zusammenhang ist, dass er diese Verabredung jedoch nicht einhielt und erst gegen 19.20 Uhr nach eigener Darstellung den Saunabereich des Cosimabads im MĂŒnchner Osten verließ. Danach habe er in der GaststĂ€tte angerufen, um nach den anderen StammtischgĂ€sten zu fragen. Als er erfahren habe, dass noch niemand anwesend sei, habe er sich entschieden zu einem anderen Stammtisch-Treffen in den Augustiner-Biergarten in der Arnulfstraße zu fahren. AuffĂ€llig ist hier jedoch, dass einer der anderen anwesenden StammtischgĂ€ste wĂ€hrend des Prozesses im Jahr 2008 ausdrĂŒcklich angab, der Arzt sei bereits gegen 19 Uhr im Augustiner erschienen.
Dem Umstand, dass hier eine deutliche Diskrepanz zwischen der Aussage dieses Arztes bzgl. der Zeiten und der des Stammtischgastes besteht, schenkte das Gericht damals jedoch keinerlei Beachtung.

Frage: Warum kontaktierte der Mann Charlotte Böhringer nicht, um sie ĂŒber die Änderung seiner PlĂ€ne zu informieren oder um sich doch zumindest nach ihrem Verbleib zu erkundigen? WĂŒrde man dies doch als normales Verhalten unter Menschen, insbesondere unter Freunden, voraussetzen TatsĂ€chlich ist es aber so, dass der Arzt einen solchen Anruf laut Verbindungsnachweis niemals getĂ€tigt hat. Auch diese weitere “Ungereimtheit“, die seinem „Alibi“ doch eine deutliche BrĂŒchigkeit beschert, veranlasste weder die Ermittler noch das Gericht, diesen Freund Böhringers nĂ€her ins Visier zu nehmen.

Nachdem am 08. April 2022 ein Artikel zum Fall in der SĂŒddeutschen Zeitung erschienen war, meldete sich beim UnterstĂŒtzerkreis eine Person, die das Alibi des Arztes glaubhaft widerlegt. Verteidiger Peter Witting stellte deshalb einen dringlichen Antrag auf neue Ermittlungen. Diesen lehnte die Staatsanwaltschaft trotz der neuen, und brisanten Sachlage mit einer formaljuristischen BegrĂŒndung ab. Nachdem das Verfahren abgeschlossen sei, heißt es da, gĂ€be es keinerlei Grund neue Ermittlungen aufzunehmen.

Nach Feststellung des Gerichts habe Benedikt Toth Charlotte Böhringer zwischen 19.00 Uhr und 19.10 Uhr an ihrer Wohnungstür aufgelauert und dort auf sie eingeschlagen. Für diesen Zeitraum besitzt Benedikt Toth kein Alibi, da er sich seinen eigenen Angaben zufolge alleine in seiner Wohnung aufhielt und ein Erkältungsbad nahm. Diese Erklärung Toths ließ das Gericht nicht gelten, obwohl seine Verlobte ausdrücklich bestätigt hat, dass er an diesem Tag wegen einer Erkältung zu Hause geblieben war.

Gemäß den Ausführungen des Gerichts muss Benedikt Toth des Weiteren die Tat und seine anschließenden Handlungen in rasender Geschwindigkeit erledigt haben, da er ja bereits um 19.34 Uhr nachweislich in seiner Wohnung mit seiner zukünftigen Schwiegermutter telefonierte.

Gegen 19.00/19.10 Uhr, so das Gericht, habe er Charlotte Böhringer mit 24 Schlägen auf den Kopf getötet, wobei er ein hammerähnliches Werkzeug benutzt haben soll. Danach habe er ihr Büro eine Etage höher nach dem jüngsten Testament durchsucht und den Umschlag, nachdem er es gelesen hatte, wieder zugeklebt. Anschließend habe er sich über vier Stockwerke nach unten auf den Weg zu seinem Fahrrad gemacht, womit er anschließend eine Wegstrecke von 4,2 km, von der Baaderstraße in die Georgenstraße gefahren sein soll, wofür er lt. Gericht 12,1 Minuten brauchte. Alles in allem veranschlagte das Schwurgericht für die Tat und den Heimweg also nicht mehr als 19,1 Minuten.

Am Tattag versorgte Frauke S., Benedikt Toths Verlobte, ihn mit Grippemedikamenten, bevor sie gegen 17.00 Uhr die gemeinsamen Wohnung verließ. Benedikt Toth erklärt dazu, er habe sich irgendwann danach am Josephsplatz eine Zeitung geholt und dann ein Erkältungsbad genommen. Laut Telefonnachweis sprach er um 19.34 Uhr vom Festnetz aus mit seiner Schwiegermutter in spe. Im Anschluss daran rief er seine Mutter an.

Gegenüber der Polizei bestätigte Toths Schwiegermutter in spe das Telefonat. Näher führte sie dazu aus, Benedikt Toth habe weder abgehetzt oder nervös geklungen, vielmehr habe er sich entspannt, aber verschnupft angehört.

Nach Auffassung des Gerichts stammten vier 500-Euro-Scheine, die man im Zuge seiner Verhaftung in Benedikt Toths Portemonnaie fand, aus einer Barabhebung von Charlotte Böhringer, die sie am 11. Mai 2006 getätigt hatte. Auf zwei Scheinen lassen sich sowohl Blutspuren als auch Toths und Böhringers DNA nachweisen. Das macht ihn tatverdächtig. Ermittler als auch das Gericht gehen davon aus, er habe sie der Toten geraubt.

Benedikt Toth erklärt diesen Umstand so: Das Geld, das man bei ihm sichergestellt hat, stamme zum einen aus Sportwetten, 1000 Euro davon, habe ihm seine Tante einen Tag vor ihrem Tod für einen Fahrradkauf geschenkt. Eine Rechtsmedizinerin erklärt später vor Gericht, die darauf gefundenen Rückstände von Blut könnten weder Toth noch Charlotte Böhringer zugeordnet werden.

Jeden Morgen ließ sich Charlotte Böhringer von einem Parkhausangestellten drei Zeitungen bringen. Eine AZ, eine BILD und eine SZ. Diese wurden dann, in einer Tüte verpackt, an ihre Wohnungstür gehängt. Auch am Morgen des Auffindungstages wiederholte sich dieses Prozedere. Als die Putzfrau gegen neun an Charlotte Böhringers Wohnungstür klingelte, waren die Zeitungen jedoch verschwunden.

Das Gericht geht davon aus, Benedikt Toth habe diese Zeitungen von der Tür entfernt, um somit das Auffinden seiner Tante hinauszuzögern. Der Umstand, dass später im Rahmen einer polizeilichen Hausdurchsuchung bei Benedikt Toth eine AZ, eine BILD und eine Süddeutsche Zeitung gefunden wurden, die der Stadtteilausgabe des Parkhauses entsprachen, diente dem Gericht als weiterer Beleg für seine Täterschaft.

Benedikt Toth, der ein begeisterter Zeitungsleser ist, sagt dazu Folgendes: Er habe regelmäßig verschiedene Tageszeitungen vom Tankstellenshop des Parkhauses mitgenommen. Manchmal bezahlte er dafür, manchmal nicht; zahlte er nicht dafür, legte er die gelesenen Zeitungen zu den Remittenten, die innerhalb einer Woche zurück an den Pressegrossisten gingen. Am Morgen des sogenannten Auffindungstages zahlte er für diese Zeitungen nicht und nahm sie zum Lesen mit nach Hause.
Noch bevor er sie zu den Remittenten legen konnte, stellte die Polizei diese Zeitungen bei ihm sicher und ging davon aus, es handele sich dabei um die Zeitungen von Charlotte Böhringers Wohnungstür. Die Tüte, in die jene Zeitungen verpackt worden waren, fand man allerdings nicht.
Wären es tatsächlich jene Zeitungen von Charlotte Böhringers Tür gewesen - hätte man darauf dann nicht die Fingerabdrücke des Angestellten P. finden müssen? Hatte er doch die Zeitungen gefaltet und verpackt. Auf den Zeitungen fanden sich jedoch weder daktyloskopische noch humanbiologische Spuren des Angestellten P..

Tatsächlich ist nach Auswertung der Liefer- und Remissionsscheine des Pressegrossisten sowie des Kassenjournals der Tankstelle für den 16.05.2006 jedenfalls der Verbleib eines Exemplars der Bildzeitung ungeklärt. Die Bildzeitung, die Frau Böhringer an ihre Wohnungstüre verbracht worden war, wurde im Kassenjournal gebucht. Demnach lässt sich die These des Gerichts, Benedikt Toth habe die Zeitungen entwendet, nur dann erklären, wenn man davon ausgeht, dass ein Unbekannter ein Exemplar der Bildzeitung aus dem Tankstellen-Shop entwendet hat.

Nach den Feststellungen des Gerichts fanden sich im Büro von Charlotte Böhringer Fingerabdrücke und DNA-Spuren von Benedikt Toth ausschließlich an Gegenständen mit Tatbezug. So beispielsweise auf einer Klarsichthülle, auf dem Umschlag des Testaments, auf dem Testament selbst und einer Geldbörse im Flur vor dem Büro.

Seit seinem 17. Lebensjahr arbeitete Benedikt Toth bei seiner Tante in der Parkgarage. Dazu gehörte auch, dass er regelmäßig Aufgaben übernahm, die er in ihrem Büro erledigte. Somit mutet es doch seltsam an, dass sich lediglich auf den "tatrelevanten" Gegenständen Spuren von ihm befunden haben sollen, ließe sich dies doch nur feststellen, wenn auch Gegenstände ohne Tatbezug auf Benedikt Toths Spuren untersucht worden wären. Gerade dies hat man nicht gemacht. Befremdlich mutet in diesem Zusammenhang auch an, dass der Täter, der zur Spurenvermeidung doch Handschuhe getragen haben soll, sie ausgerechnet im Büro ausgezogen haben müsste, wo es ihm doch hätte bewusst sein müssen, dass er so unweigerlich Spuren hinterlassen würde.

Im Rahmen der Spurensicherung wurden auf Charlotte Böhringers Blazer, den sie bei ihrem Auffinden trug, vermeintliche blutige Handschuhspuren sichergestellt. Darauf habe sich die DNA von Benedikt Toth befunden. Daraus folgert das Gericht wiederum, dass er sie während der Tat mit einem blutigen Handschuh berührt haben müsse.

Benedikt Toth hingegen erklärt diesen Umstand folgendermaßen: Er könne seine DNA dort hinterlassen haben, als er seine Tante während des Auffindens berührte, um ihren Puls zu fühlen. Außerdem habe er doch sehr häufig Umgang mit ihr gehabt. Zur Begrüßung habe man sich immer umarmt und sich ein Bussi gegeben.

Profiler Axel Petermann sagt dazu: Bislang sei das Gericht fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Täter Haushaltshandschuhe getragen habe. Ein von ihm beauftragtes Gutachten des Thüring'schen Instituts für Textil- und Kunststoff-Forschung widerlegt nun diese Theorie. Was bislang für den Abdruck eines blutigen Handschuhs gehalten wurde, ist in Wirklichkeit die unterschiedlich von Blut durchtränkte Struktur des Stoffes.

Im Übrigen könne die DNA-Spur, so sie Benedikt Toth überhaupt sicher zugeordnet werden kann, auf unterschiedlichste Wege, nicht zuletzt im Rahmen eines völlig normalen sozialen Kontaktes, übertragen worden sein.

Charlotte Böhringer wurde am 15. Mai 2006 ermordet. Laut Ausführungen des Gerichts habe sich Benedikt Toth am darauffolgenden Tag allein durch sein Verhalten bereits verdächtig gemacht. So soll er sich unbesorgt gezeigt haben, als er am Morgen von den Angestellten des Parkhauses hörte, dass seine Tante telefonisch nicht erreichbar sei.
Außerdem habe er am selben Morgen ein Mountainbike in der Parkgarage mit einem Hochdruckreiniger gesäubert und es anschließend zur Reparatur gebracht. Das Gericht folgert daraus, dass es sich dabei um das Fahrrad handeln muss, das Toth am Tatabend benutzt haben soll, und es deshalb von Blutspuren befreien wollte. Die Mutmaßung, Toth sei am Mordabend mit dem Fahrrad zur Parkgarage und wieder nach Hause gefahren, entstammt den Ergebnissen aus den Überprüfungen sämtlicher städtischer Überwachungskameras (Straßenverkehr und öffentliche Verkehrsmittel): Weder das Auto von Benedikt Toth noch er selbst konnten irgendwo als Passant ausgemacht werden. Deshalb mutmaßt man kühn, müsse er wohl mit dem Fahrrad unterwegs gewesen sein. Wobei allerdings nicht bedacht wurde, dass ihn die Kameras auch als Fahrradfahrer hätten erfassen müssen. Weder, dass keiner der Anwohner in der Baaderstraße Benedikt Toth an jenem Tag gesehen hatte, noch dass es Zeugen gab, die ihn auf seinem Weg zur und von der Parkgarage nach Hause beobachtet hatten, beeindruckte das Gericht.
Darüber hinaus habe ihn auch seine Fahrt mit dem Auto am selben Tag nach Augsburg verdächtig gemacht. Nach Auffassung des Gerichts und der Ermittler soll er diese unternommen haben, um sich unterwegs des Tatwerkzeuges zu entledigen.

Benedikt Toth hingegen führt dazu aus, dass es nicht ungewöhnlich gewesen sei, dass seine Tante sich manchmal über Stunden nicht meldete. Deshalb habe er sich zunächst auch nichts dabei gedacht, dass sie an jenem Morgen nicht erreichbar gewesen sei. Besorgt sei er dann aber gewesen, als ihre Abwesenheit den ganzen Tag über anhielt. Schließlich hätten er und sein Bruder den stellvertretenden Geschäftsführer Christoph W. angerufen, der sich im Besitz des Wohnungsschlüssels befand, und ihn gebeten, zur Parkgarage zu kommen. Gemeinsam mit ihm habe er die Wohnung schließlich geöffnet und seine Tante dort tot aufgefunden.
Das Fahrrad, mit dem er am Morgen in die Parkgarage gekommen sei, habe er sich schon über längere Zeit von einem Freund geliehen. Weil er es ihm nun in ordentlichem Zustand zurückgeben wollte, habe er es an jenem Morgen gereinigt und dann zur Reparatur gebracht. Das sei für ihn nichts Besonderes gewesen, auch sein eigenes Rad habe er regelmäßig mit dem Hochdruckreiniger in der Parkgarage gesäubert.
Die Fahrt nach Augsburg habe Benedikt Toth unternommen, weil er am Abend vorher von seiner Freundin erfahren hatte, dass seinem besten Freund, der dort eine Stelle als Anwalt inne hatte, gekündigt werden sollte, und es ihm deshalb nicht sonderlich gut gegangen sei. Er sei also nach Augsburg gefahren, um seinem Freund beizustehen. Allerdings habe die Fahrt aufgrund eines anhaltenden Staus länger gedauert als angenommen, so dass er bei seiner Ankunft am Stadtrand von Augsburg unverrichteter Dinge wieder kehrtmachen musste, um nach Mittag pünktlich seinen Dienst in der Parkgarage antreten zu können.
Die Suche der Polizei, die auf der gesamten Strecke München-Augsburg beidseitig nach dem Tatwerkzeug fahndete, blieb erfolglos. Auch wurden keine Blutspuren, die sich sowohl am Tatwerkzeug als auch an ihm selbst befunden haben mussten, im Auto von Benedikt Toth gefunden.

Laut Auffassung des Gerichts habe sich Benedikt Toth für die Tat die Kenntnis über die Gewohnheiten seiner Tante zunutze gemacht. Im Speziellen sei damit gemeint, dass er von den regelmäßigen Stammtischbesuchen seiner Tante an jedem Montagabend um 19.30 Uhr wusste. Daher habe er sich gegen 19.00 Uhr mit einem hammerähnlichen Werkzeug und Handschuhen vor der Wohnungstür postiert, um dann in dem Moment, in dem seine Tante im Begriff war, die Wohnung zu verlassen, auf sie einzuschlagen.

Im Hinblick auf die örtlichen Begebenheiten ist dazu Folgendes anzumerken: Gleich rechts neben der Wohnungstür befindet sich eine Tür mit großer Glasfläche, die direkt zum vierten Parkdeck führt. Links von der Wohnungstür öffnet sich das gut beleuchtete und übersichtliche Treppenhaus, zu dem jeder Parkhausbesucher Zugang hat. Die Gefahr, dort gesehen und entdeckt zu werden, ist also sehr groß. Weshalb sollte sich ein intelligenter Mensch einem solch offenkundigen Risiko aussetzen?

Wie die Ermittlungen ergeben haben, hatte Benedikt Toth am Tag des Mordes keinerlei Kontakt zu seiner Tante. Wie also hätte er - zur Tat entschlossen - wissen können, dass seine Tante allein und nicht etwa in Begleitung aus der Wohnung treten würde?

Nach zweijähriger intensiver Untersuchung des Falles kam der Profiler Axel Petermann des Weiteren zu völlig anderen Schlüssen bezüglich des Tathergangs und des Tatortes: So muss sich der Täter bereits zur Tatzeit in der Wohnung aufgehalten haben. Nach Petermanns präzisen Analysen der Blutspuren und -spritzer wurde Charlotte Böhringer nicht an der Wohnungstür angegriffen, sondern in der Wohnung, nahe der Treppe im hinteren Teil der Diele, wo sie schließlich stürzte und in Bauchlage liegenblieb.

Die Tatsache, dass sich Benedikt Toth nach Auffindung der Leiche seiner Tante laut Angaben diverser Zeugen in einem Schockzustand befunden hatte, war aus Sicht des Gerichts nicht geeignet, seine Täterschaft in Zweifel zu ziehen. So habe er sein Umfeld über den angeblich erfolgreichen Abschluss des Jurastudiums belogen. Deshalb sei davon auszugehen, dass er nach der Tat in Lage gewesen wäre, sein Umfeld überzeugend zu täuschen.

Zu Benedikt Toths Schockzustand nach dem Auffinden seiner Tante äußerte sich sein Bruder Mate T., folgendermaßen: "Nachdem mein Bruder meine Tante gefunden hatte, kam er am ganzen Körper zitternd und weinend zu mir, und seine Augen waren vollkommen rot unterlaufen. Ich habe zuvor noch nie einen Menschen mit solch roten Augen gesehen."

Können solche körperlichen Reaktionen überhaupt vorgetäuscht werden? Selbst wenn das Gericht dies tatsächlich für möglich erachtet haben sollte: Ist dies ein Indiz für seine Täterschaft?

Im Rahmen der Spurensicherung fand man nach dem Auffinden Charlotte Böhringers eine Reihe von Schuhspuren auf dem Fliesenboden der Wohnung, obwohl Besucher beim Betreten der Wohnung stets ihre Schuhe ausziehen mussten, und obwohl die Putzfrau zweimal wöchentlich den Boden nass wischte. Weitergehende Ermittlungen unterblieben mit dem Hinweis darauf, dass diese Spuren keinen örtlichen und zeitlichen Zusammenhang zur Tat aufweisen würden.

Abgesehen davon, dass derartige Spuren in der Wohnung angesichts der vielen offenen Fragen dieses Falles selbstverständlich weiterführende Ermittlungen gebieten, stellt sich hier doch die Frage:

Wie können Schuhspuren, die nicht zu Benedikt Toth gehören, überhaupt in einem Indizienring gegen ihn verwendet werden? Hier zeigt sich einmal mehr nach Auffassung der Verfasserinnen die Neigung des Gerichts, Indizien, die für Benedikt Toths Unschuld und deutlich für andere Täter sprächen, nicht zu berücksichtigen. Dies wiederum könnte auf eine Absicht schließen lassen, in Benedikt Toth in jedem Fall den Täter sehen zu wollen.

Im Rahmen der Spurensicherung in der Wohnung Charlotte Böhringers stieß man schließlich auf einen sogenannten Spur-Spur-Treffer. So bezeichnet man in der Kriminalistik die übereinstimmung von DNA an zwei verschiedenen Tatorten. Diese DNA-Spur findet sich nun an einer Kommode im Wohnzimmer Böhringers sowie an einem Glas in der Spülmaschine. Und verweist auf einen Fall aus dem Jahr 1981: Die Entführung von Ursula Herrmann. Das damals zehnjährige Mädchen wurde in der Nähe des bayerischen Ammersees gekidnappt und im Wald in einer Kiste vergraben. An einer Schraube der Kiste fand man eine Spur mit derselben DNA wie an Böhringers Kommode und Wasserglas. Der Spurenverursacher ist unbekannt, bekannt ist lediglich, dass es sich um Spuren eines männlichen Spurenverursachers handelt.

Die Frage, ob dies nicht auf einen anderen Täter als Toth verweisen könnte (er war im Fall von Ursula Herrmann sechs Jahre alt) stellt sich das Gericht jedoch nicht wirklich. Stattdessen räumt es im Urteil mit diesem Indiz, das auf einen anderen Täter verweisen könnte, folgendermaßen auf: Die DNA-Spuren in der Wohnung an Kommode und Glas hätten weder einen unmittelbaren örtlichen noch unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit der Tat. Und auch eine Begründung hat man für diese These: Weil sich das Glas im hinteren Teil des Geschirrspülers befunden habe, sei zu vermuten, dass es schon zu einem früheren Zeitpunkt als die anderen dort eingeräumt worden sei und somit schon über einen längeren Zeitraum dort gestanden habe, weswegen es nicht in Verbindung mit dem Mord an Charlotte Böhringer gebracht werden könne.
Verschwiegen wird hier allerdings - und so beweist es eine Fotoaufnahme der Spurensicherung - dass das Glas zwar hinten, aber direkt neben all den Gläsern, die am Mordtag Verwendung gefunden hatten, eingeräumt worden war. Woraus eigentlich das Gegenteil zu schließen wäre und das Glas am selben Tag benutzt worden sein musste.

Laut Aussage der letzten bekannten Besucherin, tranken sie und Charlotte Böhringer aus einer frisch geöffneten Weinflasche, jeweils nur ein kleines Glas. Dennoch fehlte später fast ein dreiviertel Liter Wein, den Charlotte Böhringer aufgrund ihres Blutalkoholkonzentrats von 0,55 Promille nachweislich nicht alleine konsumiert haben konnte.
Warum wurde dieser eindeutige Hinweis auf einen Unbekannten, der vor dem Tod Charlotte Böhringers in ihrer Wohnung diesen Wein mit ihr getrunken haben muss, nicht weiter verfolgt?

Ein weiteres Mal zeigt sich hier die Neigung des Gerichts, selbst solche Indizien, die für Benedikt Toths Unschuld sprechen, so zu interpretieren, dass sie Benedikt Toth nicht entlasten. Auch dieser Aspekt gilt nach wie vor als Teil des sogenannten Indizienrings.

Nach einem von der Verteidigung eingebrachten Sachverständigenvotum steht fest, dass der Täter vier bis fünf Schläge mit der rechten Hand geführt hatte, als sich Charlotte Böhringer bereits in der Endlage befand. Daraus folgert das Gericht einfach, Benedikt habe die Schläge allesamt mit der rechten Hand ausgeführt. Das Gericht behilft sich zu diesem offensichtlich "störenden" Umstand wie folgt: "
Dass es sich bei dem Angeklagten um einen Linkshänder handelt und die Schläge nach den Feststellungen der Kammer ausnahmslos mit der rechten Hand geführt worden sind, spricht nicht gegen die Täterschaft des Angeklagten."

Benedikt ist nachgewiesener Linkshänder. Aber nicht genug damit, dass die Linkshändigkeit nicht entlastend wirken soll, stellt das Gericht auch diesen Aspekt in den (belastenden) Indizienring ein.

 
 

Das Verfahren

 
Nachdem am 12. August 2008 das Urteil "Lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld", durch den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl (er führte auch den NSU-Prozess) verkündet wurde, legt Benedikt Toths Verteidiger, der Münchner Anwalt Peter Witting, zunächst Revision ein.

Mit einer 255 Seiten umfassenden Verfahrensrüge wird 2009 die Revision beim Bundesgerichtshof begründet. Angekündigt wird zugleich eine detaillierte Begründung der zunächst in allgemeiner Form erhobenen Sachrüge. Noch bevor diese jedoch erstellt ist, beantragt der Generalbundesanwalt nach angeblich umfassender Prüfung innerhalb von nur fünf Arbeitstagen die Verwerfung der Revision. Die Sachrüge begründet die Verteidigung auf mehr als 90 Seiten, dennoch entspricht der 1. Senat des Bundesgerichtshofes für Strafsachen bereits am 28. April 2009 dem Antrag des Generalbundesanwalts. Eine Begründung gibt es nicht.

Daraufhin zeigt Ermin Brießmann, ehemals Vorsitzender Richter am Bayerischen Obersten Landesgericht und in dieser Funktion selbst mit der Bearbeitung von Revisionen befasst, 2010 die am Beschluss mitwirkenden Richter des Bundesgerichtshofs wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung von Benedikt Toth an. Ermittlungen werden jedoch seitens der Staatsanwaltschaft Karlsruhe nicht einmal aufgenommen.

Im Juni 2009 erhebt Verteidiger Peter Witting Verfassungsbeschwerde zum Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, die fünf Monate später ebenfalls begründungslos nicht zur Entscheidung angenommen wird.
Eine Beschwerde zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vom 2010 wird am 16. Januar 2014 - nach vier Jahren! - zurückgewiesen.
Eine Begründung gibt es auch dafür nicht.

Auf der Basis neuer Tatsachen und Beweismittel, die ein zwischenzeitlich geführtes Zivilverfahren erbracht hat, beantragt Peter Witting am 1. Oktober 2012 zum ersten Mal die Wiederaufnahme des Verfahrens. Aus Gründen der Neutralität drängt Witting darauf, die Sache einem Gericht außerhalb des Zuständigkeitsbereichs des OLG München zur Entscheidung zu überlassen. Auch dem kommt man nicht nach. Zur Entscheidung berufen bleibt das Landgericht Augsburg, das bekanntlich innerhalb des Zuständigkeitsbereichs des OLG München liegt, dem zwischenzeitlich auch Richter Götzl angehört. Hinzu kommt, dass sich die Staatsanwaltschaft München I, die im vorangegangenen Prozess ja die Anklage gegen Benedikt Toth erhob und vertrat, berufen sieht, sich im Wiederaufnahmeverfahren mit einer negativen Stellungnahme zu Wort zu melden. Gegen diese Mitwirkung der Staatsanwaltschaft München I erhebt Peter Witting eine Dienstaufsichtsbeschwerde, über die im Namen des damals Leitenden Oberstaatsanwalts Manfred Nötzel negativ entschieden wird. Nachdem der Wiederaufnahmeantrag vom 1. Oktober 2012 nach über zwei Jahren - nämlich am 5. Dezember 2014 - schließlich als unzulässig verworfen wird, legt Witting hiergegen sofortige Beschwerde beim OLG München ein und thematisiert dabei auch die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft München I. über diese Beschwerde und damit auch über die Rechtmäßigkeit jener Stellungnahme entscheidet schließlich die Ehefrau Nötzels, Margarete Nötzel, Senatsvorsitzende beim Oberlandesgericht München, ebenfalls negativ.

Unter Hinzuziehung von Prof. Dr. Armin Engländer, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie an der Ludwig Maximilian Universität München, erhebt die Verteidigung gegen die ablehnende Entscheidung des OLG München mit Schriftsatz vom 24. August 2015 eine umfangreiche Verfassungsbeschwerde. Mit Beschluss vom 18. April 2016 wird auch diese ohne jegliche Begründung nicht zur Entscheidung angenommen.

Im Jahr 2016 engagiert die Familie von Benedikt Toth den ehemaligen Kriminalkommissar und renommierten Profiler Axel Petermann. über zwei Jahre hinweg untersucht er den Fall, prüft Akten und Gutachten und gelangt aufgrund neuer und differenzierter Erkenntnisse, die das Ergebnis aufwändiger und gründlicher Untersuchungen sind, zu der überzeugung, die Justiz habe sich geirrt. Während der Ermittlungen seien enorme Fehler gemacht worden, das Urteil beruhe auf falschen Annahmen.

U.a. auf Basis von Petermanns neuen Erkenntnissen beantragt Anwalt Peter Witting gemeinsam mit Rechtsanwalt Strate im Jahr 2019 abermals beim Landgericht Augsburg die Wiederaufnahme des Verfahrens. Doch trotz aller neuen Erkenntnisse, lehnt das Landgericht Augsburg auch diesen Wiederaufnahmeantrag als unzulässig ab. Die daraufhin zum OLG München erhobene Beschwerde wird im Juli 2021 - also nach weiteren anderthalb Jahren! - erneut als unbegründet verworfen.

Kommentar von Peter Witting, Verteidiger:
"Erneut hat das BVerfG die Verfassungsbeschwerde der Verteidigung am 27.01.2022 zurückgewiesen, wiederum begründungslos - ein Rechtsstaat im Elfenbeinturm. Dieser Fall hätte anderes verdient - aber, wir geben nicht auf."

 

 

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"Die Vorstellung, dass ein junger Mann seit 15 Jahren auf der Basis eines derart konstruierten Urteils, das von Spekulationen und Mutmaßungen lebt, sich in Haft befindet, ist für mich unerträglich."

Peter Witting, Verteidiger von Benedikt Toth